Betroffen sind Chat-Titel, Links, E-Mail-Adressen und in Einzelfällen sogar Screenshots der Unterhaltung. Selbst die Ablehnung aller nicht erforderlichen Cookies reduziert die Tracker-Aktivität nur geringfügig.

Wie Netzpolitik.org berichtet, hat eine Studie des Forschungsinstituts IMDEA Networks in Madrid die Datenerfassung in neun großen KI-Chatbots untersucht. Das Ergebnis: Sechs der neun Web-Versionen und drei von acht Android-Apps übermitteln Informationen aus den Gesprächen an Drittanbieter-Tracking- und Werbedienste. Zu den empfangenden Unternehmen zählen Google, Meta und TikTok.
Untersucht wurden ChatGPT, Claude, Perplexity, Grok, Gemini, Mistral AI, Meta AI, DeepSeek und Microsoft Copilot.
Welche Daten konkret fließen
Die Studie identifiziert mehrere Kategorien von Informationen, die an Dritte weitergeleitet werden:
- Chat-Titel: Die automatisch generierten Zusammenfassungen, die jeder Chat erhält, werden bei Gemini, Grok und Mistral an Drittanbieter übermittelt.
- E-Mail-Adressen: Bei Claude (Anthropic), Mistral und Perplexity wurde die Weitergabe an Dritte festgestellt.
- Nutzer-IDs: ChatGPT, Claude, Le Chat und Perplexity teilten Nutzerkennungen.
- Chat-Links: ChatGPT, Claude, Grok, Mistral und Perplexity übermittelten die automatisch erstellten Gesprächs-Links an Dritte.
- Screenshots: Im Fall von Grok erhielt TikTok bei bewusst geteilten Chats einen Screenshot der gesamten Unterhaltung.
Warum das technisch problematisch ist
Web-Anwendungen laden häufig Analytics- und Advertising-Skripte von Drittanbietern ein. Diese Skripte können Daten aus der Seite extrahieren und an deren Server übertragen. Bei den untersuchten Chatbots wurde diese Integration offenbar so konfiguriert, dass sie auch Daten aus dem Chat-Kontext erfasst - Titel, Links, aber auch strukturierte Nutzerdaten.
Chat-Titel erscheinen auf den ersten Blick harmlos. In Kombination mit E-Mail-Adressen oder Nutzer-IDs lassen sich daraus jedoch Rückschlüsse auf konkrete Personen ziehen. Die automatisch generierten Titel sind dabei alles andere als anonym: Aus einer Frage nach Parkinson-Symptomen wird ein Titel wie "Parkinson-Symptome im Frühstadium", aus einer Finanzfrage eine genaue Gehalts- und Hypothekengrenze. Für die Werbewirtschaft sind genau solche Datenpunkte wertvoll, da sie die Erstellung fein granulierter Nutzerprofile über eine Plattform hinweg ermöglichen, die traditionell nicht im AdTech-Kontext steht.
Grok: Der auffälligste Fall
Besonders kritisch fällt die Situation bei Grok, dem Chatbot von xAI, aus. Laut der Studie waren die Chat-Links standardmäßig öffentlich zugänglich - sowohl in der kostenlosen als auch in der kostenpflichtigen Version, sofern Nutzer die Einstellung nicht manuell ändern. Das bedeutet, dass jeder, der den Link besitzt, den gesamten Gesprächsverlauf inklusive eingegebener Prompts und generierter Antworten einsehen konnte.
Die Forschenden testeten dies praktisch: Sie platzierten Köder-Links in geteilten Grok-Gesprächen und verzeichneten 70 Abrufe von 70 unterschiedlichen IP-Adressen aus 14 Ländern, sogar noch Tage nach dem ursprünglichen Gespräch. Das zeigt, dass die Links nicht nur technisch, sondern auch aktiv genutzt werden.
Datenschutzmaßnahmen reichen nicht
Die Studie prüfte, ob Nutzer das Tracking durch Cookie-Einstellungen begrenzen können. Das Ergebnis: Selbst nach der Ablehnung aller nicht-erforderlichen Cookies blieben 80,8 Prozent der beobachteten Drittanbieter-Tracker aktiv. Zwischen kostenlosen und kostenpflichtigen Konten fanden die Forschenden kaum Unterschiede.
Die Unterscheidung zwischen Web und Mobile ist technisch relevant: Während die Web-Versionen über Script-Tags und Cookies funktionieren, nutzen Mobile-Apps andere Mechanismen. Dass auch bei den Android-Apps Tracker aktiv waren, zeigt, dass das Problem nicht auf eine einzelne Plattform beschränkt ist.
Kontext: ChatGPT plant Werbung in Europa
Die Ergebnisse der Studie gewinnen an Aktualität vor dem Hintergrund der Ankündigung von OpenAI, personalisierte Werbung in ChatGPT ab August 2026 in 31 europäischen Märkten auszuspielen. Der LfD Niedersachsen warnt, dass die Auswertung von Chat-Kommunikation für Werbezwecke ein erhebliches datenschutz- und persönlichkeitsrechtliches Risiko darstelle, da Nutzer ChatGPT zunehmend als persönlichen Gesprächspartner betrachten und entsprechend vertrauenswürdige Inhalte eingeben. Die IMDEA-Studie liefert in diesem Zusammenhang belastbare technische Belege dafür, dass die entsprechenden Datenströme bereits
Lokale KI als technisch sauberste Gegenmaßnahme
Aus technischer Sicht bleibt für Nutzer, die keine Daten an Dritte verlieren wollen, nur eine Variante, die das Problem vollständig eliminiert. Wer ein KI-Modell direkt auf eigener Hardware ausführt - sei es über Tools wie Ollama, llama.cpp oder LM Studio -, überträgt keine Anfragen über ein Netzwerk. Es gibt keinen Server, an den Titel, Prompts oder Nutzerkennungen gesendet werden könnten. Third-Party-Tracker existieren in diesem Szenario schlicht nicht, weil keine Webanwendung und keine Script-Integration vorhanden ist. Die Daten verlassen das Gerät nicht.
Allerdings birgt dieser Ansatz eigene Tradeoffs. Aktuelle offene Modelle wie Llama 4, Qwen 3 oder Mistral Large erreichen in bestimmten Aufgabenbereichen die Leistung der proprietären Frontier-Modelle von OpenAI, Anthropic oder Google - in anderen nicht. Die Hardware-Anforderungen für brauchbare Inferenz mit größeren Kontextfenstern und multimodalen Fähigkeiten bleiben hoch. Die Bequemlichkeit einer zentralen, immer aktuellen Web-Oberfläche wird bereits über Open WebUI geboten, mit sogar mehr Features. Allerdings ist der Aufbau eines solchen Systems für Laien noch zu komplex.
TL;DR
- Eine IMDEA-Netzwerke-Studie zeigt, dass sechs von neun großen KI-Chatbots in der Web-Version Gesprächsinhalte an Tracking- und Werbedienste wie Google, Meta und TikTok übermitteln.
- Betroffen sind Chat-Titel, E-Mail-Adressen, Nutzer-IDs, Chat-Links und in Einzelfällen Screenshots der Unterhaltung.
- Self die Ablehnung aller nicht-erforderlichen Cookies reduziert die Tracker-Aktivität nur auf knapp 19 Prozent - 80,8 Prozent der Tracker bleiben aktiv.
- Europäische Datenschutzbehörden sind eingeschaltet; bei Grok waren Chats bis zur Veröffentlichung standardmäßig öffentlich abrufbar.